Against the Colonial Gaze: Ethnographische Fotoarchive als kuratorische Herausforderung anhand der Ausstellung «Fiktion Kongo» am Museum Rietberg
Zürich: Zürcher Hochschule der Künste, Master Thesis (2020), 140 pp.
Contains 65 photographs, bibliogr. pp. 107-115
"Alternatives Wissen im Archiv zu finden wurde mit «Fiktion Kongo» nicht unbedingt neu, aber zeitgemäß gedacht: Himmelhebers Fotografien agierten hierbei als historische Agenten, die kongolesischen Künstler*innen hingegen als zeitgenössische Stimmen. Fest steht jedoch, dass es der Ausstellung gelungen ist nicht-europäische Blickachsen aufzufächern. Diese Gegennarrative können als postkolonial, jedoch nicht unbedingt als dekolonisierend gedeutet werden. Ferner stellt die Autorin die These auf, dass etwaige restitutionspolitische Aspekte der Ausstellung selbst ferngeblieben sind. Folgt man Lotte Arndts zuvor dargelegter Kritik193, ausschließlich Künstler*innen eine dekolonisierende Aufarbeitung der institutionellen Kolonialgeschichten aufzubürden, so lässt sich kritisieren, dass das Museum Rietberg seine «artists in residency» sprichwörtlich nur als temporäre Gastakteur*innen begriff, das koloniale Fundament der Institution jedoch durch «Fiktion Kongo» nicht wirklich umgeworfen wurde. Die kuratorische Methodik markiert in diesem Sinne einen Zeitgeist, der zwar eine Dekolonisierung der ethnographischen Fotografien in Form einer geteilten Handlungs- und Deutungsmacht intendierte, auf institutioneller Ebene jedoch keine maßgeblich prägnanten, restitutiven Maßnahmen diesbezüglich initiierte. Damit stellt die Autorin die These auf, dass es sich bei den vorab dargelegten kuratorischen Strategien eher um temporäre Interventionen in ein Fotoarchiv handelt, als um konkret angestoßene restitutive Maßnahmen, wie sie beispielsweise von Sarr und Savoy (2018) angedacht waren. Die Autorin kommt daher zu der Überzeugung, dass «Fiktion Kongo» eine Art «Alibifunktion» einnimmt, die gewiss einen dekolonisierenden Ansatz versprach, die archivierten Objekte und Fotografien sich jedoch auch nach Ausstellungsende weiterhin in einem primär europäischen Kontext wiederfinden.
Aufgrund der gegenwärtig immer lauter werdenden Forderungen zur Dekonstruktion hegemonialer Konditionen innerhalb von Ausstellungsproduktionen, versuchte «Fiktion Kongo» beispielhaft an diesen seismographischen Wandel anzudocken, der nicht zuletzt auch auf eine Dezentrierung der kuratorischen Autor*innenschaft plädieren wollte. Durch die weitestgehend autoritäre Forschung seitens der Künstler*innen lässt sich demnach schlussfolgern, dass sich durch die künstlerische Forschung den «eurozentristisch diagnostizierenden, epistemischen Erkenntnis- und Aussageprinzipien»194 innerhalb der Fotografien Himmelhebers entledigt wurde. In diesem Sinne lässt sich argumentieren, dass das Museum Rietberg durch das aktive Miteinbeziehen der «cartes blanches» einen dialogischen Arbeitsprozess anstrebte, der wiederum eine nicht-europäische Neubetrachtung ethnographischer Fotografien anstreben sollte. Entscheidungen wie diese verweisen auf ein Bedürfnis, kuratorische Monologe zukünftig der Vergangenheit angehören zu lassen. Durch die den kongolesischen Künstler*innen übertragene Deutungsmacht auf Himmelhebers Fotografien, entzieht sich das Museum Rietberg selbst der Idee einer Ausstellungseinrichtung als westlich agierender «epistemischer Apparat.» Damit zeigt das Rietberg auch, dass es sich nicht als alleinigen Verwalter der ethnographischen Fotografien begreift, sondern die Deutungshoheit über die Fotografien den Nachfahren der Herkunftsgesellschaften, zuteil wird. Unter diesem Gesichtspunkt kann sich «Fiktion Kongo» auch als eine zurück- wie auch zukunftsdenkende Ausstellung deuten lassen." (Fazit und Ausblick, Seiten 103-104)
Aufgrund der gegenwärtig immer lauter werdenden Forderungen zur Dekonstruktion hegemonialer Konditionen innerhalb von Ausstellungsproduktionen, versuchte «Fiktion Kongo» beispielhaft an diesen seismographischen Wandel anzudocken, der nicht zuletzt auch auf eine Dezentrierung der kuratorischen Autor*innenschaft plädieren wollte. Durch die weitestgehend autoritäre Forschung seitens der Künstler*innen lässt sich demnach schlussfolgern, dass sich durch die künstlerische Forschung den «eurozentristisch diagnostizierenden, epistemischen Erkenntnis- und Aussageprinzipien»194 innerhalb der Fotografien Himmelhebers entledigt wurde. In diesem Sinne lässt sich argumentieren, dass das Museum Rietberg durch das aktive Miteinbeziehen der «cartes blanches» einen dialogischen Arbeitsprozess anstrebte, der wiederum eine nicht-europäische Neubetrachtung ethnographischer Fotografien anstreben sollte. Entscheidungen wie diese verweisen auf ein Bedürfnis, kuratorische Monologe zukünftig der Vergangenheit angehören zu lassen. Durch die den kongolesischen Künstler*innen übertragene Deutungsmacht auf Himmelhebers Fotografien, entzieht sich das Museum Rietberg selbst der Idee einer Ausstellungseinrichtung als westlich agierender «epistemischer Apparat.» Damit zeigt das Rietberg auch, dass es sich nicht als alleinigen Verwalter der ethnographischen Fotografien begreift, sondern die Deutungshoheit über die Fotografien den Nachfahren der Herkunftsgesellschaften, zuteil wird. Unter diesem Gesichtspunkt kann sich «Fiktion Kongo» auch als eine zurück- wie auch zukunftsdenkende Ausstellung deuten lassen." (Fazit und Ausblick, Seiten 103-104)
1 Einleitung, 3
2 «Dekolonisierung» – eine Gegenwartsanalyse, 9
3 Das museale Archiv – künstlerische Schaltstelle oder Wissenslücke? 23
4 Zur kolonialen Kodierung des Fotografischen, 35
5 Zum Museum Rietberg, 59
6 Zum fotografischen Nachlass des Hans Himmelheber, 65
7 «Fiktion Kongo – Kunstwelten in Geschichte und Gegenwart», 75
8 Fazit & Ausblick, 103
2 «Dekolonisierung» – eine Gegenwartsanalyse, 9
3 Das museale Archiv – künstlerische Schaltstelle oder Wissenslücke? 23
4 Zur kolonialen Kodierung des Fotografischen, 35
5 Zum Museum Rietberg, 59
6 Zum fotografischen Nachlass des Hans Himmelheber, 65
7 «Fiktion Kongo – Kunstwelten in Geschichte und Gegenwart», 75
8 Fazit & Ausblick, 103