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Breite×Tiefe×Nähe: Auf der Suche nach der Erfolgsformel für spendenfinanzierten digitalen Lokaljournalismus im ländlichen Raum

Berlin: Netzwerk Recherche (2023), 50 pp.

Series: Greenhouse Report, 1

"[...] in den vergangenen Jahren wurden in Deutschland zwar zahlreiche neue, meist digitale Lokalmedien gegründet, diese haben ihren Sitz und Schwerpunkt jedoch sehr häufig in Städten. Der Report analysiert daher die Situation und Einstellungen abseits der urbanen Zentren. Für welche Art von Lokaljournalismus sind die Menschen dort bereit zu zahlen oder zu spenden? Im Mittelpunkt der Betrachtung steht der Landkreis Dahme-​Spreewald in Brandenburg. Er ist einerseits gekennzeichnet durch die Nähe zu Berlin, den Flughafen BER in Schönefeld, die benachbarte Gigafactory des Autoherstellers Tesla und zahlreiche Wissenschaftseinrichtungen. Im südlichen Teil ist der Landkreis ländlich geprägt und reicht bis in den Spreewald und die Lausitz. Der Landkreis ist die Heimat der Autorin dieses Reports; hier hat sie 2021 das lokale Online-​Magazin Wokreisel gegründet. Für den Report wurden 21 Interviews mit kommunalen Multiplikatoren und Multiplikatorinnen geführt und ausgewertet. Zu Wort kamen dabei z. B. Menschen aus Vereinen, Kultureinrichtungen, Schulen, örtlichen Unternehmen und der Kommunalpolitik, darunter der Landrat des Landkreises Dahme-​Spreewald, Stephan Loge (SPD). Außerdem haben 39 Personen aus der Region an einer nicht-​repräsentativen Online-​Umfrage zu ihrer Sicht auf den Lokaljournalismus teilgenommen. Gespräche mit Gründern digitaler Lokalmedien aus anderen Regionen Deutschlands sowie die Auswertung aktueller Studien und Literatur ergänzten die Recherche.
Die Lage des Lokaljournalismus vor Ort wird insgesamt sehr kritisch bewertet. Viele Befragte im Landkreis Dahme-​Spreewald bemängeln, dass die Qualität der Berichterstattung gelitten habe, und machen dafür u. a. Redaktionszusammenlegungen und Stellenstreichungen verantwortlich. Auch der Vertrauensverlust der Medien insgesamt spiegelt sich in manchen Äußerungen wider: Einige Befragte unterstellen dem Journalismus wirtschaftliche oder politische Abhängigkeiten. In den vergangenen Jahren wurden im Landkreis einige digitale, nicht-​journalistische Informationsangebote entwickelt. Auf Webseiten, in Newslettern oder in Dorf-​Apps wird beispielsweise über Auslegungsfristen von Bebauungsplänen oder Beratungsergebnisse aus politischen Gremien informiert, es werden Kartoffeln verkauft oder Baumaterialien getauscht. Diese Foren helfen, Informationen aus der direkten Nachbarschaft zu erhalten. Eine kritische Einordnung des Geschehens ist von ihnen jedoch nicht zu erwarten.
Dieser Greenhouse Report destilliert aus den Antworten der Interview-​Partner und Umfrage-​Teilnehmer eine Faustformel für die Wünsche des Publikums an journalistische Angebote im Lokalen: Breite × Tiefe × Nähe. Damit sind drei Dimensionen umrissen – die Breite der Informationen aus der Nachbarschaft („Themen-​Marktplatz“), die tiefgründige Analyse und Recherche (Vierte Gewalt) sowie die räumliche Nähe der Journalisten zu den Menschen vor Ort. Das ist im untersuchten Landkreis, wo zwischen den Gemeinden bis zu 100 Kilometer liegen können, deutlich schwieriger als in der Stadt. Aber können Lokal-​ und Regionalmedien dieser anspruchsvollen Formel (Breite × Tiefe × Nähe) überhaupt genügen? Die Interviews mit Machern neuer digitaler Lokalmedien in urbanen Räumen zeigen: Sie setzen bewusst auf tiefgründige Schwerpunkt-​Themen. Medienprojekte wie RUMS aus Münster oder die Relevanzreporter in Nürnberg fokussieren sich zudem in räumlicher Hinsicht auf das Publikum in der Stadt, Leser im Umland spielen eine untergeordnete Rolle. Es ist daher eine offene Frage, wie die Informationen in ihrer Vielfalt und Breite das Publikum im ländlichen Raum erreichen können, wenn weder die Lokalzeitung noch die neuen digitalen Lokalmedien diesen Wünschen gerecht werden (können). Eine denkbare Lösung sind gemeinwohlorientierte Plattformen, die Informationen aus verschiedenen Quellen bündeln. In Deutschland wird beispielsweise derzeit die lokale Info-​App molo.news weiterentwickelt, die Nachrichten von etablierten Lokalmedien ebenso abbildet wie Informationen von Vereinen und Kulturveranstaltungen. In der Schweiz entwickelt Polaris derzeit eine gemeinnützige News-​Plattform, die Nachrichten von Nutzer:innen erstellen lässt und u. a. auf Open Data zurückgreifen soll." (https://netzwerkrecherche.org)