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Gespiegelte Wirklichkeit: 'Osteuropa' und Öffentlichkeit im Wandel

Osteuropa, volume 75, issue 1-3 (2025), 472 pp.

Contains 55 illustrations, 2 maps

ISBN 978-3-8305-5646-6

"Der 100. Jahrestag von 'Osteuropa' bietet allerdings Anlass, in drei Bereichen das Verhältnis von Osteuropa und Öffentlichkeit zu analysieren. Der erste ist ein kritischer Blick auf die Geschichte und Gegenwart der Zeitschrift. Seit ihrer Gründung bewegt sich Osteuropa an der Grenze zwischen Wissenschaft, Journalismus und Politik. Das ist ein Balanceakt. Jens Bisky und Cord Aschenbrenner als Beobachter von außen machen sich Gedanken, ob er funktioniert, und Mitglieder der Redaktion blicken von innen auf die Vergangenheit, die Konstruktionspläne der Gegenwart und den künftigen Reformbedarf. Noch steht Osteuropa quer zum herrschenden Trend der Fragmentierung und Parzellierung der Öffentlichkeit. Interdisziplinarität bleibt fester Bestandteil des Osteuropa-Gens.
Der zweite Bereich ist der Frage gewidmet, wie „der Osten“ in den deutschen Horizont kommt und wie aus Informationen Wissen wird. Welche Themen kommen an, welches Erkenntnisinteresse steht hinter der Beschäftigung mit Geschichte, Politik, Literatur oder Musik Osteuropas? Eine Pionierfunktion zur Vermittlung von Informationen aus anderen Ländern haben Korrespondenten. Sie registrieren als erste politische und kulturelle Trends vor Ort, sie sollen durch verlässliche Informationen Öffentlichkeit herstellen. Doch das ist nicht so einfach. Christian Neefs Portrait der drei „Korrespondenten-Promis“ Paul Scheffer, Hermann Pörzgen und Gerd Ruge sowie Markus Ackerets Schilderungen aus dem Moskau von heute veranschaulichen, wie politische Rücksichtnahme, Restriktionen, Einschüchterung und Selbstzensur die Arbeit an der Aufklärung beeinträchtigen. Gleichzeitig zeigen die Rezeptionsanalysen in diesem Bereich, wie stark die historische Osteuropaforschung und die deutsche Aufnahme von Literatur und Musik aus dem Osten Europas von der politischen Großwetterlage bestimmt sind. So spiegeln sich die politischen Brüche des Jahrhunderts 1:1 in der deutsch-deutschen Rezeption sowjetischer Musik. Und das literarische Osteuropa, das lange Zeit terra incognita war, wurde über die besondere Gewaltgeschichte der Region sowie die Verarbeitung der existenziellen Gewalterfahrung im Holocaust oder im Gulag geprägt. En passant zollen wir auf diesem Wege auch einigen jener Personen Anerkennung, die mit ihrem Wirken viel für die Osterweiterung des deutschen Horizonts und für die publizistische Qualität von Osteuropa getan haben und nicht zufällig unter den Autoren dieses Bandes sind: den Historikern Karl Schlögel, Dietrich Beyrau und Gerd Koenen, der Lektorin Katharina Raabe, dem Slavisten Ulrich Schmid, der Musikwissenschaftlerin Dorothea Redepenning und dem Ökonomen Roland Götz. Danke!
Im dritten Bereich nehmen wir den Wandel der Medienlandschaft, der Öffentlichkeit und der Gesellschaft in den Kernländern Osteuropas, in Russland, der Ukraine und Belarus in Zeiten von Diktatur und Krieg unter die Lupe. Während es in der Ukraine allen kriegsbedingten Einschränkungen zum Trotz nach wie vor einen relativen Medienpluralismus gibt, sind die Medien in Belarus und Russland weitgehend gleichgeschaltet, Freiräume für Öffentlichkeit und Gesellschaft zerschlagen. Damit wächst die politische und gesellschaftliche Bedeutung des Journalismus, der Publizistik und des Verlagswesens im Exil. Sie sind das Surrogat der öffentlichen Sphäre und Pfeiler der Gegenöffentlichkeit. Und gleichzeitig sind auch sie Barometer zur Prognose der politischen Großwetterlage." (Editorial)
Der fatale Nexus: Deutschland und Russland 1925–2025 / Gerd Koenen, 7
Balanceakt Berichterstattung: Paul Scheffer, Hermann Pörzgen, Gerd Ruge / Markus Ackeret, 15
„Über manche Themen schreibe ich nicht mehr“: Als Korrespondent heute in Russland / Christian Neef, 53
100 JAHRE 'OSTEUROPA'
Gedanken eines lesenden Journalisten: 'Osteuropa' – „Mehr sein als scheinen“ / Cord Aschenbrenner, 59
Im Geist der Zeit und gegen den Strich: 'Osteuropa' 1925–2025: eine Geschichte / Manfred Sapper, 65
Deutschland und Rußland: Ein Wort zur Einführung. Dokumentation / Otto Hoetzsch, 87
Pakt der Freien: Eine Zeitschrift gegen die Zerstörung des Denkens: 'Osteuropa' / Paul Ingendaay, 93
Die Anwälte der Texte: Vom Anachronistischen der Redaktionsarbeit / Jens Bisky, 97
Eine schmerzhafte Erkenntnis: So „funktionieren“ 'Osteuropa'-Texte online / Felix Eick, 109
Denkhilfen: Karten in 'Osteuropa' / Aurelia Ohlendorf, 115
An der Schnittstelle: Wissenschaft & Öffentlichkeit. Eine Reflexion / Gwendolyn Sasse, 125
OSTEUROPA IM BLICK
Perspektivenwechsel: 100 Jahre historische Osteuropaforschung / Dietrich Beyrau, 131
Mein Osteuropa. Versuch einer Vergegenwärtigung / Karl Schlögel, 167
Beschwiegen, verdrängt, vergessen: Der Krieg gegen Polen und die UdSSR / Kristiane Janeke, 175
„Erinnerungsweltmeister“ mit Scheuklappen: Der späte Blick auf den Holocaust in Osteuropa / Anke Hilbrenner, 191
„Ferne Länder, über die wir wenig wissen“: Die politisierte Rezeption osteuropäischer Literatur im Kalten Krieg 1946–1989 / Ulrich Schmid, 211
Eine Welt im Schatten: Osteuropäische Lektüren, 1989–2025 / Katharina Raabe, 229
Der Klang des Jahrhunderts: Musik aus der Sowjetunion in Deutschland / Dorothea Redepenning, 263
Reformen des Unreformierbaren: Die Sowjetwirtschaft und ihre Reformen in Osteuropa / Roland Götz, 295
ÖFFENTLICHKEIT UND GESELLSCHAFT IM WANDEL
Zivilgesellschaft von Lukašenkas Gnaden? Gesellschaftlicher Strukturwandel in Belarus / Astrid Sahm, 313
Zwischen Freiheit und Zensur: Ukrainische Medien in Zeiten des Krieges / Diana Dutsyk, Andreas Umland, 337
Brutalisierung und Repression: Russlands Krieg und der Wandel der Öffentlichkeit / Florian Töpfl, 351
Gegen Zensur und Krieg: Unabhängige Medien im Exil & in Russland / Ksenija Lučenko, 365
Absturz eines Hoffnungsträgers: Pressefreiheit und Öffentlichkeit in Kirgistan / Birger Schütz, 385
Schwierige Gegenöffentlichkeit: Russische Verlage in der Emigration / Felix Sandalov, 397
Wissenschaft im Exil: Strukturelle Probleme, Herausforderungen, Perspektiven / Philipp Christoph Schmädeke, 411
ELEMENTE EINER DIGITALEN ÖFFENTLICHKEIT
Vom Telegraphen zu Telegram: Digitale Plattformen in Russland und der Ukraine / Felix Ackermann, 421
Verstaatlichung von Odnoklassniki: Klassenkameraden im digitalen Autoritarismus / Wanja Müller, 433
Telegram – eine Dekade: Meinungsfreiheit und Sorge um Sicherheit / Taras Nazaruk, 443
Content Creator in Uniform: Belarus’ Genozidkampagnen auf YouTube / Gundula Pohl, 451
Mediale Zwischenwelt: LiveJournal als Refugium für belarussische Stimmen / Hanna Horn, 459