"Die Autoren des Reports, Thomas Schnedler und Malte Werner, analysieren am Beispiel der Region Greiz im thüringischen Vogtland, welche Folgen der Bedeutungsverlust der Lokalzeitung hat. Sie haben im Dialogprojekt „Lückenfüller – Leben ohne Zeitung?“ mit 50 Bürger:innen in der Region darü
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ber gesprochen, wie sie sich informieren. In den Gruppendiskussionen zeigte sich, dass drei interessengeleitete Gratismedien versuchen, die entstehenden Lücken in der Berichterstattung zu füllen.
Erstens werden Amtsblätter und kommunale Social Media-Kanäle wichtiger, die neben nützlichen Informationen auch Raum für Selbstdarstellung der Verwaltung bieten. Zweitens erscheinen in der Region kostenlose Anzeigenblätter mit einseitigen, polemischen Inhalten und verwischen die Grenze zwischen Werbung, Meinung und Berichterstattung. Drittens betreiben AfD-Politiker:innen in Greiz ein eigenes Lokalmedium im Internet. Auf der Webseite berichten sie unter anderem über kommunalpolitische Initiativen der rechtsextremen Partei, ohne die Interessenkonflikte ausreichend transparent zu machen. „Wenn pseudojournalistische Medien im Lokalen erstarken und sich als Sprachrohr einer Gegenöffentlichkeit inszenieren, dann sind das keine guten Aussichten für das Gemeinwesen vor Ort“, sagt Thomas Schnedler, Co-Autor des Greenhouse Reports. „In Greiz ist es nicht die Nachrichtenwüste, die uns Sorgen macht. Wir warnen vor dem Gift der Parolen, das über rechtsextreme Medien und Social Media-Kanäle in das journalistische Ökosystem und den öffentlichen Diskurs einsickert.“
Der Report macht deutlich, dass es mehr Angebote zur Förderung von Medienkompetenz braucht, damit Menschen unabhängigen Journalismus besser erkennen und nutzen können. „Vor allem jungen Menschen ist es offenbar nicht mehr so wichtig, aus welcher Quelle sie ihre Informationen erhalten, solange die Darreichungsform ihrem Nutzungsverhalten entspricht“, sagt Malte Werner, Co-Autor des Reports. Deshalb sei es notwendig, passende digitale Formate zu entwickeln. Wichtig seien zudem ein stärkerer Austausch mit allen Bürger:innen sowie Begegnungsräume, damit der Lokaljournalismus für die Community erlebbar wird. Die Publikation empfiehlt außerdem, die Recherche im Lokalen zu stärken, zum Beispiel durch regionale Rechercheverbünde. Auch die Bürger:innen sehen in diesem Feld Handlungsbedarf: In mehreren Gruppendiskussionen wurde der Wunsch nach mehr Hintergründen und Perspektivvielfalt in der Lokalberichterstattung geäußert." (www.netzwerkrecherche.org)
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"[...] in den vergangenen Jahren wurden in Deutschland zwar zahlreiche neue, meist digitale Lokalmedien gegründet, diese haben ihren Sitz und Schwerpunkt jedoch sehr häufig in Städten. Der Report analysiert daher die Situation und Einstellungen abseits der urbanen Zentren. Für welche Art von Lok
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aljournalismus sind die Menschen dort bereit zu zahlen oder zu spenden? Im Mittelpunkt der Betrachtung steht der Landkreis Dahme-Spreewald in Brandenburg. Er ist einerseits gekennzeichnet durch die Nähe zu Berlin, den Flughafen BER in Schönefeld, die benachbarte Gigafactory des Autoherstellers Tesla und zahlreiche Wissenschaftseinrichtungen. Im südlichen Teil ist der Landkreis ländlich geprägt und reicht bis in den Spreewald und die Lausitz. Der Landkreis ist die Heimat der Autorin dieses Reports; hier hat sie 2021 das lokale Online-Magazin Wokreisel gegründet. Für den Report wurden 21 Interviews mit kommunalen Multiplikatoren und Multiplikatorinnen geführt und ausgewertet. Zu Wort kamen dabei z. B. Menschen aus Vereinen, Kultureinrichtungen, Schulen, örtlichen Unternehmen und der Kommunalpolitik, darunter der Landrat des Landkreises Dahme-Spreewald, Stephan Loge (SPD). Außerdem haben 39 Personen aus der Region an einer nicht-repräsentativen Online-Umfrage zu ihrer Sicht auf den Lokaljournalismus teilgenommen. Gespräche mit Gründern digitaler Lokalmedien aus anderen Regionen Deutschlands sowie die Auswertung aktueller Studien und Literatur ergänzten die Recherche.
Die Lage des Lokaljournalismus vor Ort wird insgesamt sehr kritisch bewertet. Viele Befragte im Landkreis Dahme-Spreewald bemängeln, dass die Qualität der Berichterstattung gelitten habe, und machen dafür u. a. Redaktionszusammenlegungen und Stellenstreichungen verantwortlich. Auch der Vertrauensverlust der Medien insgesamt spiegelt sich in manchen Äußerungen wider: Einige Befragte unterstellen dem Journalismus wirtschaftliche oder politische Abhängigkeiten. In den vergangenen Jahren wurden im Landkreis einige digitale, nicht-journalistische Informationsangebote entwickelt. Auf Webseiten, in Newslettern oder in Dorf-Apps wird beispielsweise über Auslegungsfristen von Bebauungsplänen oder Beratungsergebnisse aus politischen Gremien informiert, es werden Kartoffeln verkauft oder Baumaterialien getauscht. Diese Foren helfen, Informationen aus der direkten Nachbarschaft zu erhalten. Eine kritische Einordnung des Geschehens ist von ihnen jedoch nicht zu erwarten.
Dieser Greenhouse Report destilliert aus den Antworten der Interview-Partner und Umfrage-Teilnehmer eine Faustformel für die Wünsche des Publikums an journalistische Angebote im Lokalen: Breite × Tiefe × Nähe. Damit sind drei Dimensionen umrissen – die Breite der Informationen aus der Nachbarschaft („Themen-Marktplatz“), die tiefgründige Analyse und Recherche (Vierte Gewalt) sowie die räumliche Nähe der Journalisten zu den Menschen vor Ort. Das ist im untersuchten Landkreis, wo zwischen den Gemeinden bis zu 100 Kilometer liegen können, deutlich schwieriger als in der Stadt. Aber können Lokal- und Regionalmedien dieser anspruchsvollen Formel (Breite × Tiefe × Nähe) überhaupt genügen? Die Interviews mit Machern neuer digitaler Lokalmedien in urbanen Räumen zeigen: Sie setzen bewusst auf tiefgründige Schwerpunkt-Themen. Medienprojekte wie RUMS aus Münster oder die Relevanzreporter in Nürnberg fokussieren sich zudem in räumlicher Hinsicht auf das Publikum in der Stadt, Leser im Umland spielen eine untergeordnete Rolle. Es ist daher eine offene Frage, wie die Informationen in ihrer Vielfalt und Breite das Publikum im ländlichen Raum erreichen können, wenn weder die Lokalzeitung noch die neuen digitalen Lokalmedien diesen Wünschen gerecht werden (können). Eine denkbare Lösung sind gemeinwohlorientierte Plattformen, die Informationen aus verschiedenen Quellen bündeln. In Deutschland wird beispielsweise derzeit die lokale Info-App molo.news weiterentwickelt, die Nachrichten von etablierten Lokalmedien ebenso abbildet wie Informationen von Vereinen und Kulturveranstaltungen. In der Schweiz entwickelt Polaris derzeit eine gemeinnützige News-Plattform, die Nachrichten von Nutzer:innen erstellen lässt und u. a. auf Open Data zurückgreifen soll." (https://netzwerkrecherche.org)
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