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Dossier Medien und Macht in Lateinamerika

Berlin: Lateinamerika-Nachrichten (2013), 35 pp.

Series: LN-Dossier, 7

Signature commbox: 200:10-Politics 2013

"[...] so stark die geballte Medienmacht auch ist, so vielfältig sind auch die Versuche, die immer gleichen Botschaften der Medienkonzerne durch eigene zu ersetzen. Die „Empfänger_innen“ haben längst begonnen, das Menschenrecht auf Kommunikation einzufordern und kritische Fragen zu stellen: Warum spielen in meiner Lieblingsfernsehsendung eigentlich so wenige Menschen eine Rolle, die so aussehen wie ich? Und wenn, warum dann nur als Täter_innen oder Opfer von Gewalt? Warum kommt das, was in meinem Stadtteil mit tausenden von Bewohner_innen passiert, eigentlich nie in den Nachrichten vor? Warum erfahre ich so viel über das Leben der reichen und schönen Weißen, aber nichts, was mir im Alltag weiterhilft? Wieso haben wir als Indigene keine eigenen Medien in unserer Sprache, die uns die ILO-Konvention 169 garantiert? Das Menschenrecht auf Kommunikation, das allen nicht nur das theoretische Recht auf Meinungsäußerung, sondern tatsächlichen Zugang zu Medien garantiert, wurde in den letzten zwei Jahrzehnten von vielen sozialen Bewegungen gefordert. In Venezuela garantiert es die neue Verfassung von 1999, die eine Fülle von Neugründungen alternativer Medien auslöste. Viele Bewegungen befürworten auch den Aufbau öffentlich-rechtlicher Medien, auch wenn diese allein keine „Ausgewogenheit“ der Berichterstattung garantieren.
Ob in den Favelas der Maré in Rio de Janeiro, in ländlichen indigenen Gemeinden oder auf den Wänden des jamaikanischen Kingston – überall versuchen Menschen ihre eigene Sicht auf ihre Wirklichkeit auszudrücken und zu verbreiten. Die Ernsthaftigkeit und der Spaß, den sie dabei empfinden, vermitteln sich live on air, über Fotoausstellungen, Texte oder über coole Sprüche an rauen Wänden. Hilfreich ist dabei die zunehmende Verbreitung des Internets: Blogs und Internetradios, selbst Internet-TV, sind kostengünstig zu produzieren und haben ein immer größeres Publikum – auch wenn in vielen Gegenden Radiowellen oder bedrucktes Papier noch die meisten Menschen erreichen.
Dass kritischer Journalismus auch gefährlich ist, zeigt sich aktuell besonders in Mexiko und in Honduras. Im vergangenen Jahr wurden sechs mexikanische Journalist_innen ermordet, seit dem Jahr 2000 waren es mindestens 66, weitere zwölf werden vermisst. Und nach den Recherchen der Journalist_innen-Organisation Artikel 19 sind es nur in jedem zweiten Fall die Drogenkartelle, die mexikanische Journalist_innen bedrohen. In allen anderen Fällen sind es staatliche Stellen. Auch in Honduras wurden 2012 zwei Journalisten Opfer einer Ermordung, die in direktem Zusammenhang mit ihren Recherchen stand. In den vergangenen drei Jahren sind dort mindestens 29 Journalist_innen ermordet worden.
Aus der Fülle dieser Themen haben wir für dieses Dossier eine Auswahl von sechs Ländern getroffen: Mexiko, Honduras, Jamaica, Venezuela, Brasilien und Chile. Zu fünf der Länder thematisiert ein Beitrag das Verhältnis zwischen Politik, Wirtschaft und Medien. Ergänzt wird dies durch ein Interview oder ein Feature über ein Projekt kritischer Gegenöffentlichkeit. Dabei war uns wichtig, dass die Beiträge möglichst unterschiedliche Medienformate vorstellen: Eine alternative Nachrichtenagentur in Mexiko, kommunales indigenes Radio in Honduras, Streetart in Jamaica, einen alternativen Fernsehsender in Venezuela, verschiedene Favela-Medien in Brasilien und ein Radioprojekt in Chile sollen ein möglichst vielfältiges Bild von lateinamerikanischer Gegenöffentlichkeit skizzieren." (Einleitung, Seite 5)
Medien und Macht in Lateinamerika: Staatsnähe, Medienkonzentration und Gegenöffentlichkeit, 4
Medienmacht außer Kontrolle: Zwei TV-Giganten bestimmen den mexikanischen Medienmarkt / Jan-Holger Hennies, 6
Information aus klarer Quelle: Interview mit Heriberto Paredes Coronel / Jan-Holger Hennies, 8
Presse, Macht und Demokratie: Die honduranische Medienoligarchie ist ein besonderer Machtfaktor im Staat / Félix Molina, 11
"Wir bleiben auf Sendung!" Interview mit dem Radioaktivisten Juan Vásquez vom Sender La Voz Lenca / Johannes Schwäbl, 13
Kingstons sprechende Wände: Graffitis und Murals als Gegenöffentlichkeit der jamaikanischen Metropole / Patrick Helber, 15
Mythen über Medien: Venezuela verfügt über eine ausgeprägte Meinungs- und Medienvielfalt / Malte Daniljuk, 18
"Mehr Räume wie diesen erobern": Interview mit Maigualida Pérez vom alternativen Fernsehsender Calipso TV / Clay Johnson, 22
Fernbedienung allein reicht nicht: Interview mit João Brant von intervozes / Claudia Fix, 24
Zukünftig crossmedial? Die Medien der Favelas / Nils Brock, 27
Duopol für den Neoliberalismus: Die chilenischen Printmedien befinden sich in der Hand zweier Medienkonzerne / David Rojas-Kienzle
Wir machen unsichtbare Themen sichtbar: Interview mit den chilenischen Radioaktivisten Juan Schilling und Gabriel Rojas / David Rojas-Kienzle, 32